Die Krise als Katalysator

Gemeinschaft leben – Zukunft gestalten

Die Corona-Krise stellt uns alle vor ungeahnte Herausforderungen: allen voran soziale Isolation, wirtschaftlicher Shutdown, die Schließung von Kitas, Schulen und sozialen Einrichtungen sowie ein Veranstaltungs- und Versammlungsverbot. Die gewohnten Routinen sind unterbrochen und  unsere Gesellschaft hält inne. Dies gibt uns einen konkreten Anlass, um unsere Grundlagen zu reflektieren und uns unserer Ziele und Werte bewusst zu werden. Jetzt ist Zeit, um auf lokaler Ebene Visionen für ein menschen-, klima- und generationengerechtes Zusammenleben zu entwickeln und umzusetzen.
Die Erfolge in der Eindämmung des Virus hier vor Ort haben uns gezeigt, was möglich ist, wenn wir als Stadt zusammenhalten, gemeinsam auf Krisen reagieren und Politik aktiv gestalten. Dies müssen wir auch in anderen Feldern schaffen! Die Handlungsnotwendigkeiten sind so drängend wie vielfältig: Klimakrise, Chancengleichheit und Verteilungsgerechtigkeit auf internationaler, nationaler sowie auf lokaler Ebene sind nur die prominentesten Herausforderungen. Auch auf individueller Ebene wird diese Notwendigkeit deutlich, wie unter anderem steigende Zahlen von Burnout, Depressionen, Vereinsamung und gefühlter Armut zeigen. 

Als Stadt in einem hochindustrialisierten und wohlhabenden Land haben wir bisher auch von der ungleichen Verteilung der Kosten unserer Wirtschaftsweise profitiert. Nicht zuletzt deswegen tragen wir auch als Kommune eine globale Verantwortung, einen nachhaltigen Wandel einzuleiten. Getreu dem Motto: Think global – act local wollen wir als wirtschaftlich und kulturell attraktive Stadt dieser Verantwortung rasch und mit Überzeugungskraft begegnen, und somit andere Menschen, andere Städte und andere Staaten inspirieren und motivieren. 

Wir wollen die Krise als Katalysator für einem Wandel der gesellschaftlichen Grundlagen hin zu ökologischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Nachhaltigkeit nutzen:

    • Ökologie – eine intakte Umwelt als Basis für Leben anerkennen und die natürlichen Lebensgrundlagen nur in dem Maße beanspruchen, wie diese sich regenerieren
    • Ökonomie – eine den Bedürfnissen der Menschen dienende Wirtschaft als Grundlage für eine gelingende Gesellschaft, auch für künftige Generationen
    • Soziales – eine solidarische und partizipative Gesellschaftsstruktur als Basis unserer freiheitlichen Demokratie 
    • Kultur – Offenheit, Toleranz und Akzeptanz gepaart mit persönlicher Entfaltung als Lebens- und Umgangs-Ethik der Zukunft. 

Im Zuge der Corona-Krise müssen umfangreiche Verteilungsfragen beantwortet werden. Die öffentliche Hand muss entscheiden, welche Unternehmen, Institutionen und Menschen sie unterstützen oder gar retten will. Welche Priorität legt sie dabei auf die Gemeinwohlorientierung und Zukunftsfähigkeit? Wie viel Geld gibt sie für Bildung, Soziales, Umwelt und Kultur aus? Gerade weil alle Lebensbereiche von dieser Krise auf die eine oder andere Weise betroffen sind, treten konkurrierenden Bedürfnisse viel stärker in den Vordergrund. Dies wird in einer Großstadt wie Köln besonders deutlich.

Viele Menschen und Organisationen zeigen sich solidarisch und handeln bereits kreativ und mutig. Diese Offenheit zum Umdenken ist die ideale Grundlage, um den aktuellen Herausforderungen mit Antworten zu begegnen: In der Pluralität finden sich die dringend benötigten Impulse und Visionen, um einen dauerhaften Wandel einzuleiten. Denn unsere Gesellschaft und insbesondere Köln bringt alles mit, um diesen Wandel in demokratischer und sozialverantwortlicher Weise zu meistern: Lokalverbundenheit und Initiative, Innovationsfähigkeit und solide Strukturen.

Damit sich diese Chancen und Potenziale tatsächlich realisieren, benötigen Bürger*innen, Unternehmen, Zivilgesellschaft und Politik gleichermaßen Inspiration und Motivation sowie Raum und Ressourcen für Veränderung. Wir als Vertreter*innen der Kölner Zivilgesellschaft geben mit diesem Papier Inspiration und Motivation. Wir zeigen, dass es vielfältige Handlungsansätze gibt und dass wir bereit sind, unseren Teil beizutragen. In der Verantwortung der Stadt liegt es, notwendige Rahmenbedingungen durch entsprechende Regulierung und Förderung zu setzen und die geforderten Umstellungsprozesse mit Ressourcen zu hinterlegen. 

Wir möchten in einer Stadt leben, die Verantwortung übernimmt und mutige Schritte in Richtung einer menschen-, klima- und generationengerechten Zukunft geht. Köln ist kreativ, Köln ist innovativ, Köln hat Herz. Lasst uns Köln gemeinsam zu einem der so dringend benötigten Leuchttürme dieser Zukunft gestalten!

Wir Initiativen sehen in unseren Themenfeldern folgende, besonders dringende Handlungsbedarfe:

Bildung & Globales Lernen: Allerweltshaus Köln +  Querwaldein

  • Die Akteure der außerschulischen Bildung in Köln arbeiten seit Jahren zu Themen, die sich in der Corona-Krise noch deutlicher zeigen, wie z.B. die Verschärfung bestehender Ungleichheiten. Dies ist eins der globalen Problemfelder zu deren Lösung sich die UN mit ihren 17 Nachhaltigkeitszielen verpflichtet haben. Außerdem stärkt das Globale Lernen und die Bildung für nachhaltige Entwicklung Ideen und Handlungskompetenzen, um Krise als Chance für eine nachhaltige Entwicklung zu begreifen. Um die Menschen in Köln in Zeiten des Wandels mitzunehmen, muss die Arbeit der außerschulischen Bildungsakteure und ihrer Netzwerke nachhaltig unterstützt werden.

Boden- und Raumfrage: Stadtraum 5&4 + KLuG e.V.

  • Wer Grund und Boden besitzt, entscheidet dauerhaft über dessen Zugang und Nutzungsmöglichkeiten. Soziale, nachhaltige und gelingende Stadt, jede Form zukünftiger Stadtentwicklung braucht zwingend Raum und Boden. Deshalb muss die Stadt unverzüglich zu einer aktiven und gemeinwohlorientierten Bodenpolitik übergehen. Akteure der Zivilgesellschaft stehen mit Konzepten, Projekten und Know How für eine partnerschaftliche Umsetzung zur Verfügung.

Ernährung / Lokale Versorgung: Ernährungsrat Köln + Kölner NeuLand e.V.

  • Ernährungswende jetzt! Versorgungssicherheit in Zeiten der Corona-Krise durch regionale und ressourcenschonende Landwirtschaft fördern.

Familie: TRIANGLE – Gemeinsam.Familie.Leben

  • Köln muss sich dazu bekennen, dass die Familie eine der tragenden gesellschaftlichen Institutionen in der Krise ist. Familien in ihren differenzierten Lebenslagen und Formen haben ein Recht auf Unterstützung. Deshalb müssen die existierenden niedrigschwelligen und präventiven Angebote zur Förderung eines gesunden Familienlebens und die Hilfsangebote für Familien – die selbst massiv von der Krise betroffen sind – aufrechterhalten, zugänglich gemacht und zudem mit innovativen Lösungen langfristig erweitert werden. Lasst uns gemeinsam Familien leben.


Finanzierung & Förderung: Bürgerstiftung Köln + KLuG e.V.

  • Knappe finanzielle Ressourcen sind für gemeinnützige, transformative Vereine, Initiativen und Engagement eine der größten Herausforderungen im alltäglichen Geschäft. Geringe Förderbudgets, fehlende Strukturförderung und aufwändige Abrechnungsverfahren erschweren die Umsetzung von dringend benötigten Projekten. Soziale, umweltnahe und kulturelle Institutionen wollen mitgestalten und müssen dabei finanziell unterstützt und gefördert werden.

Flucht, Migration & Integration: Integrationshaus e.V. + Allerweltshaus e.V.

  • Durch Corona darf die Solidarität gegenüber Geflüchteten und deren Lebenslagen nicht aus dem Blick geraten, deshalb muss die Stadt Köln für menschenwürdige Lebens- und Wohnbedingungen sorgen, sowie Bildungs- und Begegnungsräume schaffen und erhalten. Die Stadt Köln und die Kölner Zivilgesellschaft müssen den Diskurs darum in die Öffentlichkeit bringen und nicht in den Hintergrund rücken lassen

Gestaltung des öffentlichen Raums: KLuG e.V. + WandelOase Köln

  • Eine Stadt nach menschlichem Maß bietet Raum für Miteinander und Begegnung, Interaktion und Partizipation. Der öffentliche Raum ist für alle gleichermaßen zugänglich und wird jetzt mehr denn je als Ort des gemeinsamen Lebens begriffen. Damit er auch für alle bespielbar und gestaltbar wird und Identifikation mit Stadt und Raum gestärkt wird, müssen Kölner:innen befähigt werden, Verantwortung für Gestaltung und Bespielung tragen zu können. Hier sind partizipative Initiativen und Formate gefragt, welche durch entsprechende Rahmenbedingungen und Infrastrukturen der Stadt zu stützen sind.


Kunst und Kultur: ArtAsyl e.V. + Kumbig e.V.

  • Kunst- und Kulturproduzenten:innen brauchen verlässliche Partner:innen, ein verlässliches Einkommen und Räume, die sie zur Entwicklung ihrer Projekte nutzen können. Die meisten Initiativen haben den Anspruch, ein diverses Publikum und damit die ganze Gesellschaft einer Stadt zu erreichen. Dazu muss eine Infrastruktur bestehen, die dieses Vorhaben ermöglicht und die zusätzlich dafür sorgt, dass die Produzenten:innen in finanzieller und struktureller Not Hilfe erhalten, die ihr Weiterarbeiten ermöglicht. Hier können zum einen die Offenheit der bestehenden Institutionen und neue, jetzt zu schaffende Netzwerke helfen.

Lokales/alternatives Wirtschaften: Trink—Genosse e.G., Myzelium UG

  • Die Krise zeigt, dass unsere Wirtschaft in der derzeitigen Form weder krisensicher noch nachhaltig funktioniert. Jetzt haben wir die Chance, die Wirtschaft zu transformieren, hin zu einer gemeinwohl-orientierten, lokalen, solidarischen und ökologisch nachhaltigen Wirtschaft.  Die Stadt Köln übernimmt Verantwortung: fördert und unterstützt jetzt nachhaltige Modelle und alternative Wirtschaftsformen.

Mobilität: VCD Köln + RADKOMM e.V + Loving The Atmosphere

  • Die Krise zeigt, dass der Straßenraum neu aufgeteilt werden muss. Menschen brauchen aufgrund der Abstandsregelungen so viel Platz wie ein Auto – zu Fuß, auf dem Rad, auf dem Skateboard o.ä. Köln teilt den Straßenraum neu auf und verfolgt dabei das Ziel, das Rad und den Fußverkehr zu den wichtigsten Verkehrsträgern innerhalb der Stadt zu machen. Köln setzt sich das Ziel, den motorisierten Individualverkehr innerhalb der Stadt überflüssig zu machen.

Nachbarschaft: Agora Köln e.V.

  • Die Kölner:innen haben in der Krise Nachbarschaft neu kennengelernt – und sich tausendfach für ihr Viertel und ihre Nachbarn engagiert, ob mit Gutscheinkauf oder Besorgungen für Menschen aus Risikogruppen. Damit dies in Zukunft ähnlich gelebt werden kann, braucht es nicht nur digitale Nachbarschaftslöungen für die Zeit jetzt, sondern auch öffentliche Freiräume und Unterstützung für Vereine, Bürgerzentren und andere Institutionen, die Nachbarschaft leben und gestalten.
    .

Nachhaltige Digitalisierung: Bits & Bäume Köln

  • Köln muss für seine Einwohner:innen auch im Digitalen eine Daseinsvorsorge bieten. Eine öffentliche IT Infrastruktur in der Menschen Produkte und Dienste nutzen können, die Gemeingut sind, um ihren Alltag zu bestreiten, an Bildung, Kultur und jeglichem zivilgesellschaftlichen Engagement teilhaben zu können ist essenziell in dieser Krise. Es braucht eine öffentlich betriebene und geförderte Plattform unter einer freien Lizenz („Public Money Public Code“). Eine solche Plattform sollte einen physischen Anker als Begegnungs- und Aktionsstätte zur gegenseitigen Unterstützung aller Akteure:innen in Köln erhalten, damit Digitalisierung kein Brandbeschleuniger für Klimawandel, Artensterben, soziale Ungerechtigkeit, Digital Divide etc. bleibt.

Partizipation: Individuen von STARK! im Kölner Norden + Mehr Demokratie e.V.           Landesverband NRW 

  • Einheitliches Tool für digitale Partizipation / Orte für physische Begegnung erhalten und stärken / Klare Regeln und Konzepte für Begegnung / Dezentralität von Beteiligungs- und Entscheidungsstrukturen stärken

Umgang mit Ressourcen & Kreislaufwirtschaft: Zero Waste Köln e.V. 

  • Der Ursprung dieser und vieler anderer Krisen liegt in unserem unverantwortlichen Umgang mit Ressourcen und der damit einhergehenden Zerstörung von Naturräumen. ​​​​​​​Jetzt ist es notwendig den Ressourcenverbrauch zu minimieren und eine funktionierende Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Konkret umgesetzt heisst das ein Bekenntnis zur Zero Waste Stadt und damit zu deren Zielen, Müll und Verschwendung zu reduzieren. Ein gesundes, sauberes und lebenswertes Köln.

Verwaltung: Agora Köln e.V. + Jack in the Box e.V. / Kooperative Westspitze e.V.

  • Die Krise zeigt, dass vieles möglich wird und wie Verwaltung durch pragmatisches, schnelles, flexibles und kooperatives Handeln Lösungen zeitnah entwickeln und umsetzen kann. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse und Ansätze sollte die Verwaltung auf die globalen und lokalen Herausforderungen übertragen, um eine “Kultur des Ermöglichens” im Sinne einer “städtischen Kooperation” zum Wohle aller Bürger zu entwickeln.

Hier gehts zur Transformationstabelle . Für die Themenbereiche haben wir Herausforderungen aufgegriffen, die im Rahmen der Corona-Krise eine besondere Bedeutung erlangt haben. Ihre Bewältigung drängt und muss  auf eine soziale, klima- und menschengerechte Zukunft ausgerichtet sein. Hierzu haben wir Handlungsansätze entwickelt und die Rolle von Zivilgesellschaft, Stadt sowie weiteren Akteuren dargestellt. Wir sehen dies als Aufschlag für eine fruchtbare gesellschaftliche Debatte und als Ausgangspunkt für ein dringend notwendiges, partnerschaftliches Handeln.

Welche Initiativen haben dieses Papier mit verfasst?

Ihr möchtet mitmachen, unterstützen oder einfach auf dem Laufenden bleiben?

Weitere Initiativen, Einzelpersonen, Vereine und Bündnisse haben die Möglichkeit diesen Prozess zu unterstützen und an zukünftigen Prozessen mitzuwirken. Dazu haben wir eine Umfrage erstellt. Wir bleiben dadurch in Kontakt. Außerdem gibt es hier die Möglichkeit weitere Teile des Gesamtprozesses kennenzulernen und zu unterstützen.

Ein Projekt initiiert von KLuG – Köln Leben und Gestalten e.V.